You Know you want one

Restaurierungsbericht einer Brough Superior SS80 aus dem Jahre 1933

Teil 2: Kaufen oder nicht kaufen, das ist hier die Frage!

Zeitsprung: Ein kühler, regnerischer Herbsttag 13 Jahre später

Das Ding auf der Ladefläche sah schlimm aus. Ganz schlimm. Genau genommen handelte es sich nicht um ein Motorrad, sondern um die mortalen Fragmente eines solchen. Was wir sahen, war ein Rahmen mit Gabel, zwei recht ordentlich aussehende Räder und in der Mitte ein Motor und ein Getriebe. Alles war mit Messing- Hutmuttern auf zusammengesuchten Bolzen leidlich zusammengehalten. Ein zurecht gesägtes Chromteil auf der Unterseite der Gabel als Ersatz für ein vorderes Schutzblech sollte Grasbahn-Feeling verstprühen. Und drum herum lagen noch ein paar Teile, wofür kein Schrotthändler mehr zum abholen gekommen wäre. Die Krönung allerdings zierte die Verstellschraube des Lenkungsdämpfers: dort war ein goldener Totenkopf mit grünen Leuchtaugen aufgeschraubt. Irgendwie bildlich beschreibend.

Der Anbieter kommt mit der Beschreibung „zwielichtige Gestalt“ noch eher gut weg: die ersten Biere hatten an diesem Vormittag schon geschmeckt, und es sollten irgendwie auch nicht die letzten bleiben.

Alles in Allem entsprach der Zustand des „Motorrades“ nicht ganz den Vorstellungen, die der Verkäufer mit blumigen Worten am Telefon bei mir erweckt hatte: „ Na klar, das Motorrad ist vollständig. Motor und Getriebe sind bei einem Spezialisten in England überholt worden, das läuft alles prächtig. Die Räder haben allerdings keine Chromfelgen, sondern Felgen und Speichen sind aus Edelstahl, das weicht natürlich leicht vom Original ab…“ Zurückblickend würde ich sagen: dieses Problem war nicht wirklich entscheidend. Wie auch immer, der Haufen Schrott hat eindeutig am 28.3. 1933 als Modell SS80 die Werkshallen an der Haydn Road in Nottingham verlassen, um zukünftig bei der Leeds Police der Jagd auf Verbrecher zu machen. Und auf dem Tank war noch in verblasster, goldener Schrift das „Brough Superior“ Firmenlogo zu erkennen.

Ich hatte mir zwei Experten mitgebracht, um mich vor größeren Fehlern zu bewahren. Uwe war selber seit kurzem Besitzer (und zwar stolzer!) einer 11.50 von 1934, und Thomas kannte sich mit dem Zusammensuchen von Teilen unter erschwerten Umständen aus seinen diversen Opel Motoclub –Projekten aus. So konnte eigentlich nichts mehr passieren, machte ich meiner Frau (und mir!) Mut.

Eine sachliche Bestandsaufnahme der Teile noch vor dem Kauf ließ dem Umfang der Handelsware leicht erkennen: nüchtern betrachtet stand ich vor einem JAP Motor vom Typ 8/30, in der Ausführung KTCY mit 34 PS. 1000 Kubikzentimeter waren sowohl 1933 als auch 2001 noch gut, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das Triebwerk machte einen durchaus sauberen Eindruck. Lediglich der fehlende hintere Zylinderkopf deutete auf Teilesuche hin, dafür konnte man nagelneue, passende Kolben und eine sauber gehonte Zylinderlauffläche erkennen. Sogar die Seriennummer des Motors stimmte mit den Unterlagen sauber überein. Das Getriebe schien auch überholt, es handelte sich um den korrekten Typ, allerdings mit falscher Seriennummer. Dies ließ sich verschmerzen. Der Rahmen schien leicht bis mittel korrodiert, und dann überlackiert. Die Räder schienen sauber überholt, allerdings mit schlecht lackierten Naben. In amerikanischen Verkäuferenglisch heißt so etwas „good runner - needs a little paint“ . Dies war bereits ein geflügeltes Wort an unserem Stammtisch für die echten Schrotthaufen geworden.

Unter den Teilen gab es eine Reihe von brauchbar erscheinenden Kleinteilen, und jede Menge Schrott, der sich allerdings in einigen Fällen noch gut als Muster für die Teilesuche oder Nachfertigung verwenden lassen sollte. Schließlich standen wir vor dem Zwischenmodell der SS80, von dem lediglich 14 Exemplare in den Jahren 1933 und 1934 gebaut wurden. Die Modelle vorher verfügten noch über den schmalen, langen Tank, und ab 1935 wurde die MX 80 mit Matchless Motor und vielen Detailänderungen vorgestellt. Viel später erfuhr ich über den Brough Superior Owners Club, dass 9 Modelle überlebt haben und davon sind mir heute 5 (inklusive meiner eigenen) bekannt. Da soll noch mal einer behaupten, eine BMW R68 sei selten! Erst kürzlich habe ich wieder einen weiteren Mosaikstein der Geschichte meines Motorrades erhalten: Auf einem Markt in Utrecht / Holland erwarb ich eine Ausgabe des englischen “Classic Bike Magazins” aus 1995. Auf dem hinteren Einband dieser Ausgabe entdeckte ich “zufällig” eine Fotoanzeige von Atlantic Motorcycles, auf dem genau dieses Motorrad, erkennbar an der originalen, englischen Zulassung, für 8950 Pfund angeboten war. Das erstaunliche: das Motorrad war komplett, original und unrestauriert, in dem Zustand wie auf dem Foto oben abgebildet. Offenbar hat jemand das Motorrad in England gekauft, nach Deutschland gebracht und versucht, aufzubauen. Entweder sind dabei Teile verloren gangen, für andere Projekte verwendet worden, oder der Neuaufbau sollte nicht originalgetreu erfolgen. Oder, und das ist meine Vermutung, eine Kombination aus allen drei Annahmen. Nur eines ist sonnenklar: hier war jemand am Werk, der eine gute Restaurierungsbasis ohne Rücksicht auf Verluste zerstört hat. Dies war kein Liebhaber mit Verständnis und Liebe zum Detail, sondern ein Idiot.

Nun sollte das Leben dieses ungeliebten Objektes eine entscheidende Wendung nehmen, und sprichwörtlich aus dem hässlichen Entlein ein schöner Schwan werden. Aber sollte ich der Auserwählte sein?

Aufgerufen war ein Preis, zu dem das Haus BMW eine wunderschöne, neue Boxermaschine im Angebot hat. Inklusive Überführung, Anmeldung und zwei Jahren Garantie… Man muss nicht völlig bescheuert sein, um hier zuzuschlagen. Aber es hilft. Also tat ich es!

Von unterwegs hatte ich meine liebe Frau bereits sorgfältig vorbereitet, was ich gleich zu Hause abladen werde. Sie schluckte zwar, war aber diese Art Kummer gewohnt und gratulierte mir daher zu meiner Neuerwerbung.

Weiter mit Teil 3: Was hatte ich da bloß gekauft?

 

motoclub.de

Internet für Oldie-Fans