Restaurierungbericht Stadtroller Berlin
Der Berliner Stadtroller aus den Industriewerken Ludwigsfelde (IWL) nahe Berlin war eines der dankbarsten Restaurationsobjekte, die ich so geschraubt habe. Genaugenommen war dies keine echte Restaurierung, ich würde es eher als technische Instandsetzung mit Neulackierung bezeichnen. Das liegt im wesentlichen an zwei Dingen: der Erhaltungszustand meines Fahrzeuges war sehr gut, und die robuste Technik hat dafür gesorgt, dass die Instandsetzung zum Kinderspiel wurde. Dabei hat die Basis lediglich 400 DM auf der Technorama in Kassel gekostet!
Testbericht aus “Der deutsche Strassenverkehr” Oktober 1959 (lädt etwas länger, lohnt aber!)
Hier geht zur Stadtrollerseite im Internet mit vielen Informationen und Teilebörse. Die Internet-Seite der
Das Zerlegen des Rollers erwies sich als Kinderspiel; mit wenigen Handgriffen ist die Haube runter, die Beinschilder und das Trittbrett sind auch schnell demontiert, und wenn der Lampenhalter und der vordere Kotflügel demontiert sind, kann bereits die Lackierung beginnen. Ein bisschen trickreich gestaltet sich dabei die Vorbereitung der Teile: aufgrund der speziellen Materialauswahl sind die Vorarbeiten sehr vorsichtig durchzuführen. Die grosse Haube ist aus Stahlblech (Achtung: Risse an der unteren Kante sind vor der Lackierung zu reparieren, sonst ist die Freude hier nicht von langer Dauer), während Beinschilder und Kotflügel vorn aus Alublech gefertigt sind. Der vordere Lampenhalter ist aus einem Bakelit-ähnlichen Kunststoff; die Paarung dieses Werkstoffes mit den damals üblichen DDR-Lacken hat dazu geführt, dass an der Lampenverschraubung bereits im Neuzustand der Lack abplatzte...

Der Tank war bei mir an den hinteren Aufhängungen undicht; ein Kühlerbetrieb hat hier eine gute und geprüfte Reparatur durchgeführt (ca. 150 DM). Der Motor ist ein modifizierter
DKW RT 125 Treibsatz: grössere Bohrung und Viergangetriebe sollten für mehr Fahrspass sorgen. Mein Motor hat die Jahre gut überstanden und brauchte keinerlei Überholung. (Das erste und bisher einzige Mal, dass ich wirklich Glück hatte mit der
Technik). Die Elektrik hat einen neuen Kabelbaum bekommen, da der alte bereits spröde und rissig war. Beim Bosch-Dienst habe ich für kleines Geld Kabel in verschiedenen Farben und Bougierrohr (Leerhülle) gekauft, so dass zwar Geduld, aber
kein Raketeningenieur gefragt war.

Allerdings hatte ich bei den ersten Testfahrten immer wieder ein Problem: Der Roller sprang zwar sehr gut an, aber nach einiger Zeit (manchmal eine Stunde, manchmal weniger als 10 Minuten) ging er ohne Warnung aus. Teilweise half warten, später aber nur schieben. Bis ich darauf kam, dass der Benzinhahn bei korrekt montiertem Tank niedriger als der (oberhalb der Schwimmerkammer liegende) Zulauf zum Vergaser lag. Wenn jetzt also nur noch halb voll ist... Es war halb voll getankt. Und nach dem Tanken lief die Kiste wieder wie geschmiert. Abhilfe war ganz einfach: Die Schwimmerkammer der Touren-AWO (oder Simson 425) hatte einen untenliegenden Zulauf, sonst war der BVF- Vergaser fast gleich - Problem gelöst! Jahre später zog dieser Trick sogar noch bei meinem Freund Mile, der auch eine Stadtroller restauriert hat. Gleiches Problem - gleiche Lösung (wie sind die früher mit dem Ding gefahren?).


Kostenaufstellung: Anschaffung
Lackierung (Freund)
Tank schweissen
3 Reifen 12 Zoll
Verchromen
Ochsenaugen
Sitzbezüge
Kleinteile
400 DM
400 DM
150 DM
200 DM
300 DM
86 DM
60 DM
200 DM
Fazit: Leider habe ich den Roller heute nicht mehr; nach ein paar hundert Kilometern konnte ich das Gefährt gegen eine BMW R 25/2 tauschen. Dies war eine angefangene Restauration, der Besitzer hat aber
irgendwann aufgegeben und hat etwas gesucht, um Sonntag morgens um den Block zu fahren. Mein Roller schien das geeignete Gefährt dafür zu sein... Und er hatte den Keller voll Apfelsinenkisten mit BMW-Zeugs drin. Aber das ist eine andere
Geschichte.
Der Berliner Stadtroller ist ein hervorragendes Objekt für
Einsteiger im Oldtimer-Hobby. Wer mehr Gewicht auf den Gebrauchswert und Spass als auf das Renomee legt oder die Preistreiberei in unserem Hobby nicht mitmachen möchte, ist mit diesem dankbaren Objekt gut beraten. Obwohl es gute Exemplare auch
nicht mehr für die berühmte Kiste Bier gibt.
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