Restaurierung BMW R75/5 - Seite 2
Als nächstes war die Sitzbank dran. Diese wurde komplett zerlegt, und die
Grundplatte wurde mit der rotierenden Drahtbürste entrostet, entlackt, und anschließend mit Hammerite Lack schnöde gestrichen. Vorher wurden jedoch noch alle Gewinde zur Befestigung der Reling nachgeschnitten.
Dabei stellte sich heraus, dass ein Gewindeteil der Reling-Befestigung fehlte. Hier wurde dann einfach eine Mutter hart angelötet. Der alte Bezug wies keinerlei Risse oder Löcher auf, und wurde mit warmer Seifenlauge
und Armor All Kunststoffpflege wieder in Schuss gebracht. Die Alu-Leisten wurden gerichtet und mit Alu Magic aufpoliert, alle Schrauben durch VA Material ersetzt. Normale Senkkopfschrauben funktionieren gut, es muß
lediglich am Schleifstein der Kopf etwas länglich angeschliffen werden. Die Reling wies nur leichte Korrosionsspuren auf und konnte auf der
Poliermaschine wieder glänzend aufgearbeitet werden. Lediglich das hintere Typenschild „R 75/5“ muß nun noch neu besorgt werden.
Baugruppenweise wurde nun zerlegt, gereinigt, Verschleiß festgestellt (oder auch nicht!) und wieder zusammengebaut. Die erste Baugruppe waren die Vergaser. Die R 75/5 war das erste Motorrad von BMW, bei dem Bing-
Gleichdruckvergaser vom Typ 64, mit 32 mm Durchlass, verwendet wurden. Diese waren unter einer dicken, schmierigen Schicht in perfektem Zustand. Selbst die Membranen waren ganz, daher wurden bei einem
Stammtischfreund lediglich Reserveteile von Stromberg geordert. Diese sind baugleich mit den Bing- Membranen, wahrscheinlich stammen sie sogar vom gleichen Hersteller, sind aber in etwa zum halben Preis
verfügbar. Bei den großen 40mm Vergasern der späteren Modelle ist der Preisvorteil sogar noch größer! Also wurden die Vergaser mit einer speziellen Reinigungsflüssigkeit (Yamaha ME2) und einer alten Zahnbürste
gesäubert und wieder zusammengesetzt. Lediglich die korrodierten Schrauben der Membrandome wurden durch neue ersetzt.
Der Tachometer war voll funktionsfähig, hatte aber ein Spinnennest zwischen Glas und Skala. Daher wurde mit einem kleinen Schraubendreher der Ring vorsichtig aufgebördelt und abgezogen. Gals und Skala wurden gereinigt, und der Tacho wieder mit einer Flachzange, deren Unterseite mit dickem Isoband versehen wurde, um den Ring nicht zu beschädigen. Klappte wunderbar, wer es nicht weiß, findet nie heraus, dass der Ring mal ab war. Entscheidend ist an dieser Stelle, dass man keine harten Kanten beim öffnen in den Ring einarbeitet, denn dann wird dieser nie wieder schön umgebördelt werden können.
Als nächstes wurde der hintere Achsantrieb geöffnet. Zum ersten Mal sollte die Stunde der Wahrheit schlagen. Die Teller-Kegelradkombination weiß
jedoch nur geringes Laufspiel auf, durchaus normal und nicht Besorgnis erregend für diese Laufleistung. Lediglich die Mitnehmerverzahnung zum Hinterrad war etwas mitgenommen, allerdings immer noch im Rahmen des
üblichen und durchaus noch gut für einige zehntausend Kilometer. Außen waren kaum Spuren von Öl zu sehen, daher entschloss ich mich, die Demontage nicht weiter zu führen und das Gehäuse nicht mit Glasperlen zu
strahlen, sondern mit der schonenden Methode aufzuarbeiten. Dafür wurde der Antrieb wieder komplett zusammengebaut, äußerlich mit Bremsenreiniger penibel gesäubert und dann mit WD 40 eingesprüht.
Anschließend wurde mit der rotierenden Nylonbürste aus dem Baumarkt das Alugehäuse schön aufgehellt. Mit dem Dremel wurde die Arbeit in den Ecken fortgesetzt. Wieder wurde mit Bremsenreiniger
gereingt, und wieder mit WD 40 eingesprüht. Danach wurde mit feiner Stahlwolle gleichmäßig kreisend, bei wenig Druck, die
Oberfläche von den feinen Kratzern der Drahtbürste befreit. Abschließend noch mit einem weichen Lappen abwischen – fertig!
Das Resultat überzeugt: anders als beim Glasperlstrahlen, wird die original Gussstruktur nicht beeinträchtigt, und trotzdem ein schöner, heller und samtiger Glanz erzielt. Das hätte der Illg vielleicht auch mit seiner R51/2 machen sollen…
Die Stoßdämpfer waren äußerlich leicht korrodiert, aber trocken, und sollten auch wieder aufgearbeitet werden. Korrosion ist an diesem Bauteil oft sogar ein gutes Zeichen: Austretendes Öl verhindert nämlich Rost, ist aber ein Zeichen für das baldige Ende der Dämpferwirkung. Also wurden die Abdeckhülsen, das Unterteil und die obere Aufnahme auf dem Polierbock auf Hochglanz gebracht, die Federn entrostet und (wie im original) silbern lackiert. Schon fertig, und 299 Euro für den Satz neuer Konis gespart…
So ganz nebenbei wurden immer wieder kleiner Baugruppen, wie die Bremsankerplatten, zerlegt, alle Teile gereinigt und poliert, und die Träger zum glasperstrahlen beiseite gelegt. Alles in allem präsentierte sich viel Licht und wenig Schatten, nur wenige Teile mussten der Einkaufsliste hinzugefügt werden. Viele Kleinteile wurden so nach und nach schon aufgearbeitet und liegen nun einbaufertig im Regal.
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