Restaurierung BMW R75/5 - Seite 4
An diesem Motor sollte folgendes gemacht werden:
Der linke Zylinder lag seit 1993 abgebaut und offen in der Garage - die Lauffläche war also gleichmäßig mit Flugrost überzogen.
Aus Anraten eines Oldtimer-Kollegens habe ich mit feinem Kunststoff-Schleifvlies und etwas Öl die Lauffläche wieder blank
poliert, und anschließend mit dem Innentaster vermessen. Dabei kam an der schlechtesten Stelle ein Verschleiß von 1-2/100mm
zu Tage - 8/100 erlaubt BMW als Verschleißgrenze. Ich war positiv überrascht, daß der Zylinder zu retten war, und dabei so
wenig Spiel aufwieß! Nicht vergessen: die Nikasil-Zylinder kamen erst 1980 mit der G/S und der ST. Der zweite Zylinder wurde
auch vermessen, hier lag das Spiel bei 4/100mm, immer noch akzeptabel, wenn auch nicht mehr perfekt. Beide Zylinder wurden gestrahlt, gehont, und eingeölt ins Teileregal gelegt.
Die Kolben waren ok, keinerlei Freßspuren, nicht einmal der kleinste Kratzer war am Kolbenhemd zu erkennen. Die Kolbenringe
hatten kaum Spiel, lediglich der obere Kolbenring hatte ca 5/100 Spiel, was durchaus ok ist - hier ist ein Klemmen in der Nut zu vermeiden. Ein Kolbenbolzen war angerostet und nicht mehr zu retten. Also bei den Köpfen alles schön sauber machen, danach bei meinem
Oldie-Kumpel Thomas glasperlstrahlen, mit heißem Wasser und Preßluft die Reste des Strahlgutes wieder entfernen, alles schön mit WD 40
einsprühen, Ventile einschleifen (da gibt es ein brauchbares Set bei Detlev Louis) und Ventile einbauen - “schon fertig”.
Bei ebay hatte ich mir extra eine Feinwaage besorgt, mit der sich bei einem Kilogramm auf 0,2 g genau messen läßt. Damit habe ich die Kolben ausgemessen, und dann mit Bolzen, Ringen etc. durch Selektion soweit wie möglich angeglichen. Den Rest
habe ich dann mit dem Dremel unten am Kolbenhemd rausgenommen, danach passte es perfekt. Ähnliches habe ich auch mit den Pleuelstangen probiert, aber Pustekuchen: Die Pleuel müssen einmal am Pleuelauge unterstützt werden, um das Gewicht
auf dem Fuß zu messen (rotierende Massen), und dann am Fuß unterstützt werden, um die Pleuelaugen separat zu messen, um die oszillierenden Massen anzugleichen. Dabei ist jedoch die Lagerung des jeweils fixen Endes dermaßen sensibel, daß sich
das gleiche Ergebnis nicht ohne weiteres reproduzieren läßt. Ich werde es noch einmal probieren, wenns nicht klappt, geht es halt nicht. Demnächst mehr!
Die Überholung des Motors ist für mich der eigentliche Höhepunkt der Restaurierung - das mache ich gern. Und mit der Erfahrung aus mittlerweile 16 Jahren in diesem Hobby laufen die Kisten, die ich gemacht habe, auch alle ganz ordentlich.
Die Zylinderköpfe waren so weit auch ok, leider schien der linke mal
gefallen zu sein, so sind doch auf der Oberseite 2 Rippen abgebrochen und eine weitere angeknackst. Ich habe die Reste so weit “organisch” zurecht gefeilt, und die Köpfe erst mal gestrahlt. Die Ventilsitze sind ok,
auch die Führungen haben nur kaum fühlbares Spiel. Allerdings werden die Ventile erneuert - nach über 30 Jahren und fast 100tkm fährt die Angst vor einem Abriß sonst immer auf dem Sozius mit. Ein Kopf hatte einen ganz
leichten Riß, das ist in dem Ausmaß nicht Besorgnis erregend, zumal der Kopf wegen der angestoßenen Kühlrippen eh bald fällig ist.
An der Hinterseite wurden das Schwungrad demontiert, um den WeDi an
der Kurbelwelle hinten erneuern zu können, und den Rundschnurdichtring am hinteren Ölpumpendeckel. Beim Zusammenbau unterlief mir dann ein folgenschwerer Fehler. So ist das, wenn man einen Motor zum ersten Mal schraubt.
Beim BMW Zweiventilmotor wird die Kurbelwelle 2fach axial geführt. Zum einen über das Kugellager, welches auf dem vorderen Kurbelwellenstupf sitzt, sozusagen unter der Lichtmaschine. Dieses Lager kann
konstruktionsbedingt jedoch nur kleine axiale Lasten aufnehmen. Die eigentliche Führung erfolgt außen durch das hintere Ende der hinteren Kurbelwange, und durch die geschliffene Seite der Schwungscheibe.
Dazwischen befindet sich das hintere Hauptlager, welches zur Stabilität zwei geschliffene und beschichtete Anlaufscheiben vorn und hinten aufgesteckt bekommt. Gehalten werden die Anlaufscheiben,
die es in 4 verschiedenen Dicken zur Feinjustierung gibt, von zwei Stiften außerhalb des Hauptlagers. Was ich nicht wußte:
Diese Scheiben können auch mal herausfallen. Gemein wird es,wenn die innere, also die zur Kurbelwelle hin, rausfällt. Das sieht
man nämlich nicht, man merkt es aber, nämlich wenn man die Schwungscheibe festzieht, und dabei die Kurbelwelle blockiert. Nichts geht mehr. Also, alles wieder raus, noch einmal - blockert. Dann noch mal genau hinsehen, au Scheiße, Kurbelwelle
ausbauen, Anlaufscheibe mit der Schieblehre messen und für 15,50 Euro beim freundlichen BMW Händler neu bestellen. Ärgerlich halt, wenn es am Freitag abend passiert, und das Wochenende zum Schrauben freigehalten wurde. Shit happens.
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