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Mit der BMW R51/3 in den Karpaten von Jochen Schmidt (Amönau)
Reisevorbereitungen
Eigentlich war ich zu hause mitten im Umzug in eine neue Wohnung. Vieles schon in Kartons verpackt, die Bude in chaotischen Zustand. Dann plötzlich eine Woche Urlaub beschert bekommen. Also nicht lange gezögert, eine Motorradreise spontan entschieden. Nach Rumänien hatte ich zwar immer schon Gelüste, doch ein Blick in die Landkarte zeigte mir schnell, dass die Entfernung hier doch etwas zu weit für 8 Tage Reise ist. Also Entschluss: Slowakisches Erzgebirge, da es in der Tatra ja recht nett war. Samstag noch schnell die BMW gecheckt, Reiseerprobt ist sie ja, Ölwechsel, Ventilspiel und Zündung, neuerdings hat sie so lästige Fehlzündungen beim Gaswegnehmen, und Sonntag Nachmittag ging es los.
Sonntag (Deutschland)
Schon nach den ersten 100 km merke ich, dass die Fehlzündungen immer noch da waren. Sie sollten später beim langsamen Fahren in Rumänien aufhören, und bei der Rückfahrt in Ungarn wieder beginnen. Zunächst machte sich jedenfalls ein gewisses Unbehagen in mir breit: Sollte vielleicht eines der neu eingeschliffenen Ventile doch undicht sein? – Jedenfalls bloß nicht zu schnell fahren, um den Motor zu schonen. Außerdem war der Kilometerzähler offensichtlich defekt, was aber völlig unproblematisch sein sollte, da die Versorgungslage mit „Benzina“ in Rumänien sehr gut ist. Schließlich erinnert mich ein kurzer, aber heftiger Regenschauer hinter Eisenach daran, dass Regenhose und Motorradjacke ja schon seit Monaten nicht mehr dicht sind. Durch Zufall sollte ich in einer rumänischen Tankstelle später eine Uhu-Tube finden und im Laufe der Reise alle Löcher stopfen. Erst mal jedenfalls weiter, die Nacht durchgefahren und beim ersten Morgengrauen Zelt aufgeschlagen und etwas geschlafen.
Montag (Slowakische Republik)
Der nächste Tag durch das slowakische Erzgebirge war sehr enttäuschend: Die Gegend sicher sehr nett, aber hier eine Woche alleine herumkurven? Eine Polizeikontrolle macht mich auf mein defektes Licht aufmerksam. Während der Reparatur (Wackler an der Sicherung) lädt mich ein slowakischer Harley-Fahrer zum Baden ein. Ob er schon mal in Rumänien gewesen sei? – „Nein, viel zu gefährlich“. Schließlich bin ich am Nachmittag in der Ostslowakischen Metropole Kosice angelangt. Ich studiere die Landkarte und in mir reift der Entschluss, doch noch nach Rumänien weiterzufahren. Ein zufällig vorbeikommender Tourismusbüromitarbeiter(„Nice bike,..“) schwärmt mir auf meine Frage hin von Rumänien vor: Seine Freunde würden mit ihren Enduros dort Touren machen. Alles sei erlaubt und vor Banditen bräuchte man sich nicht zu fürchten. Meine letzten Zweifel fallen. Ich studiere die Karte und fahre noch bis zur Dämmerung durch Ungarn. Abends bei Taschenlampe Studium des weitsichtigerweise eingesteckten rumänischen Reiseführers: „Wichtige Reiseinfos A-Z ... E - Einreise: Gültiger Reisepass erforderlich“ Poff – Wie eine Seifenblase platzt mein Traum. Das erforderliche Dokument liegt sicher verwahrt in meinem Schreibtisch. – Mein Führerschein und die Fahrzeugpapiere übrigens auch, ganz zu Schweigen von der wie ich später erfahre zwingend erforderlichen grünen Versicherungskarte. Also Buch wieder zugeklappt – bloß keine Illusionen wecken. Einfach mal probieren.
Dienstag (Nordrumänien und nördliche Ost-Karpaten)
Der Grenzübertritt am nächsten Morgen dann völlig problemlos. Tja, jetzt war ich ´drinn und hatte null Ahnung, wo ich hin wollte, was hier los ist, geschweige denn, dass ich die wichtigsten Brocken Rumänisch gekonnt hätte. Also erst mal Bares besorgen. Verdammt keine Wechselstube. Die Tankstelle akzeptiert Euros. Als Wechselgeld erhalte ich einen Riesen Batzen Papierscheine mit utopischen Zahlenwerten darauf. – Hä? Wieviel ist so ein Lei wert? Was kostet der Liter Benzin? In Satu Mare der nächsten größeren Stadt ein Geldautomat. Meiner Schätzung zufolge würden etwa 30.000 Lei auf einen Euro kommen. Die Betragsauswahl gibt mir nur Beträge zwischen 10 und 500 vor. Verunsichert wähle ich einen Zahlenwert aus dem Mittelfeld und bekomme wieder ein Bündel Scheine ausgespuckt. Aha, man hat die letzten Nullen gekappt. Also noch eine Buchung und fürs erste muß es reichen. Ich beschließe in die Ostkarpaten zu fahren, weil hoch und nicht so weit weg.
Das Straßenbild ist seit der Grenze völlig verändert: Pferdegezogene Panjewagen und Schlaglöcher prägen die Chausseen. Die Fahrgeschwindigkeit wird deutlich reduziert. Im Hintergrund tauchen majestätisch die Karpaten auf. In Baia Mare gibt mir ein interessierter Rumäne („at home I have a 1972 Honda 250 with Russian DKW frame, chopperlook and picture of Monica Belluci on the tank“) noch ein paar Reisetipps und nimmt mir meine Angst vor Diebstahl. Später werde ich noch viele ältere MZ und AWO Kräder auf den Straßen erspähen. Zunächst geht´s jedoch erst mal in die Berge, an herrlichen Almwiesen vorbei. Auf den Feldern Bauern bei der Arbeit, mit Sense und hölzernen Heugabeln.
- Bild 1: Traktoren sind in Rumänien eher selten
Ich komme mir vor wie auf einer Zeitreise durch ein Märchenland. Die Häuser werden immer kleiner und erhalten immer mehr Schnitzereien und sonstigen Zierrat. Da ich nur schaue und fahre, komme ich gut voran und erreiche schließlich das Bergsportzentrum von Borsa. Hier treffe ich auf ein Berliner Pärchen mit Motorrad und Westkarpatenerfahrung. Auch hier nützliche Infos. Bei einer Kurzinfektion meiner Maschine dann ein grausiger Befund: Der Hinterreifen ist völlig blank gefahren! – Hatte ich mir vor der Abreise gar nicht mehr angeschaut! Jetzt rächt sich der Anfall von Sparwahn, in welchem ich den Metzlervorderreifen günstig aus dem Internet erworben hatte. Von früheren Reisen weiß ich, dass 19“ Reifen durchaus nicht einfach zu beschaffen sind - und hier in den einsamen Karpaten? Schluck! Einzige Hoffnung vielleicht Russengespanne. Jedenfalls muß ich von nun an die Augen nach dem fehlenden Gummi aufhalten.
Es geht weiter über hohe Pässe und bei leichtem Nieselregen zerfetzt mir einer der fiesen weißen Hirtenhunde den unteren Rand meiner Regenhose. Durch den Schreck verpasse ich den gewünschten Abzweig und lande in Vatra Dornei.
Bild 5: Nur die ganz großen Straßen sind asphaltiert
Inzwischen wird es Abend und ich beschließe eine Nebenstraße zu fahren um einen passenden Platz zum Zelten zu suchen. Meine Landkarte zeigt mir eine kleinere Straße über einen Pass, grün hinterlegt, offensichtlich landschaftlich reizvoll. Der Abzweig ist gut beschildert und es geht zunächst zick-zack auf geschotterter Schlaglochpiste durch die Ebene. Vor dem Aufstieg in die Berge weist ein Schild auf die Benutzung von Schneeketten hin. Fatalerweise halte ich dies für ein Relikt aus dem letzten Winter. Zunächst geht es eine nahezu schlaglochfrei Piste weiter zur Passhöhe hin. Oben kommen wieder saftige Graswiesen zum Vorschein. Leider ist der Pass selbst zum Zelten für mich recht ungeeignet, da alles frei einsehbar ist und noch einige Bauern ihr Vieh auf den Nebenhängen hüten. Mein schlechtes Gefühl wird noch durch eine Bäuerin (so stelle ich mir die Hexe aus Hänsel & Gretel vor) mit obligatorischem keifenden Hirtenhund verstärkt, die mir unverständliche Worte entgegenwirft und ins Tal hinunter deutet. Ich fahre also die andere Seite des Passes hinunter, wobei die Straße zusehends schlechter wird. Schließlich ist es eigentlich gar keine Straße mehr, sondern nur ein von Gleisen durchzogenes schlammiges etwas. Links bewaldeter Steilanstieg, rechts stark abfallend zum Gebirgsbach. Inzwischen wird es dämmrig und ich sitze seit fast 14 Stunden auf der BMW. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Immer wieder ist die Fahrspur von Wasserlachen völlig überflutet und ich drifte mit dem abgefahrenen Reifen hindurch. Weit und breit kein halbwegs geeigneter Zeltplatz und es sind noch über 20km bis ins Haupttal zu fahren. Eine Brücke aus dicken rohen Baumstämmen, längs!! über einen Bach mit Spalten gelegt. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie ich auch dieses Hindernis überwunden habe. Schließlich tauchen kleine Bauernhütten in der Dämmerung auf; an einem Gartenzaun zwei Nachbarinnen im Gespräch. Ich gebe auf. Ich halte an und frage durch Handzeichen, ob ich im Garten zelten können. Ohne sich von ihrem Plausch ablenken zu lassen öffnet die eine die wacklige Gartentür und lässt mich herein. – Ich bin völlig perplex. - Das ist sie also, die viel gepriesene rumänische Gastfreundschaft ?! Ich schiebe die Maschine an einen Holzstapel und lass mich zu Boden fallen. Die barfüßigen Kinder der Frau umringen mich wie einen notgelandeten Alien. Eines hat den Vater geholt, der sich zu mir hockt. Wir rauchen. Mit Händen, Füßen und dem Deutsch-Rumänisch Teil meines Reiseführers wechseln wir einige „Worte“ und schließlich muß ich mein Motorrad den kleinen Hang zu seinem Haus hinauf fahren, vor dem ein grober Holztisch und zwei Bänke auf uns warten. Ich bekomme starken süßen Kaffee serviert. Wir verständigen uns jetzt recht gut auf Französisch (Er hat das Gymnasium besucht.) und er erklärt mir, dass ich sein Gast sei und seine Frau bereits ein Bett für mich bereit mache. Ich versuche erst gar nicht, mich zu wehren. Einerseits bin ich einfach zu ermüdet und andererseits befürchte ich, seine Gastfreundschaft zu beleidigen. Also gehe ich mit in das kleine Haus, welches aus Vorraum, Küche mit riesigem Kachelofen und drei Zimmern besteht. Zur Feier des Tages wird eine Dose Leberwurst und eine Dose Bier für mich aufgemacht. Es gibt Milch und wir rauchen Zigaretten. Ich erfahre viel über das Leben im Tal, dass die Bewohner im Winter fünf Monate abgeschnitten sind, dass es kein Telefon gibt und dass sich jeder nur von ein paar Kühen und der Waldarbeit ernährt. Er selber ist eigentlich Frührentner, die staatliche Pension von umgerechnet zwei Schachteln Zigaretten – er raucht Kette – ist jedoch selbst für einfachste Verhältnisse zu gering.
Nachts schlafe ich schlecht. Ich bin zu aufgewühlt durch die vielen Ereignisse. Der Kaffee tut sein übriges. Gegen Morgen fängt die bettlägerige Oma schließlich noch an zu schreien.
Mittwoch (Ostkarpaten)
Nachdem die beiden Kühe gemolken sind bekomme ich Frühstück, gebackene Eier und Milch. Eltern und Kinder essen nichts. Ich versuche etwas zu finden, wie ich mich nützlich machen kann, z.B. seine alte Jawa oder den im Garten rostenden alten Audi ohne Nummernschilder zu reparieren, doch er lehnt ab. Als ich aufbrechen will zögert er etwas – richtig er hatte sich abends zweimal erkundigt, ob man auch zu zweit auf der BMW fahren könne. Also wird die dicke Gepäckrolle abgeschnallt, er bekommt eine zusammengerollte Jacke auf die Gepäckbrücke gelegt und wir fahren zu zweit, er mit Jeans, Käppi und weißen Turnschuhen im einsetzenden Nieselregen und ohne Reifenprofil die 20 km Schlammweg ins Haupttal hinunter. Wir verabschieden uns herzlich und es geht weiter Richtung Süden. Trotz Regen ist die Landschaft herrlich, wie der Montelui See und die Bicaz Klamm. Als meine Klamotten durchnaß sind esse ich in einem Restaurant üppig für 3€ zu Mittag. Schließlich hört der Regen auf und ich verlasse die Berge.
Bild 6: Saftige Hügellandschaft in den Ostkarpaten
In Gheorgheni, dem nächsten größeren Ort sehe ich zufällig einen Motorradfahrer am Wegrand, den ich gleich nach einem Reifen frage. Er spricht etwas deutsch und wir fahren einige Reifenhändler an. Einer gebietet mir mein Rad auszubauen. Er legt den Schlauch frei und fragt, wo denn nun das Loch sei. In meiner Euphorie, so schnell einen neuen Reifen gefunden zu haben war ich einem Missverständnis erlegen. Jetzt wird hektisch telefonier, der Biker fährt nochmals los um einige Reifenhändler abzuklappern, doch leider alles vergebens. Ich bin mir sicher, wenn in 20 km Umkreis ein 19-zöller aufzutreiben gewesen wäre, die Jungs hätten ihn für mich gefunden.
Also weiter, noch einen Abstecher nach Osten. Wieder werde ich bei Abendsonne mit leicht bewachsenen Grashängen, beschnitzten Häusern und urtümlichen Bauern belohnt. Ein Schlafplatz findet sich schnell hinter einem Maisfeld und ich schlafe fest, bis ich am Morgen vom Hufgeklapper eines vorbeiziehenden Pferdefuhrwerks geweckt werde.
Donnerstag (südliche Ostkarpaten und Transylvanien)
Nach ausgiebigem Frühstück in der Morgensonne geht es über Onnesti wieder nach Südwesten.
Bild 3: Frisches Wasser gibt es am Dorfbrunnen
Bei einem Dorfbrunnen halte ich an um meine Trinkwasservorräte aufzufüllen. Der Eimer gleitet an einem Drahtseil in die Tiefe. 15 Meter, wie mir ein neugieriger Anwohner mit Händen erklärt „Aqua bene!“ – Ja, das kühle Wasser schmeckt wirklich herrlich erfrischend an dem warmen Sommermorgen. Ich gebe seinem Enkelkind eine Multivitamintablette in eine Tasse Wasser und drehe ihm eine Zigarette. Er schaut ungläubig zu, während ich mit dem Papierchen kämpfe „Russe?“ – „ Nein ich komme nicht aus Russland – Germanski!“ Ich bitte ihn ein Foto zu machen. Der ärmste hält offensichtlich zum ersten mal in seinem Leben einen Fotoapparat in der Hand und schaut verkehrt herum, also zum Objektiv hinein, in den Apparat. Ein technisch versierterer Nachbar sieht die Szene und hilft aus. Weiter geht es durch Landschaften mit Mittelgebirgscharakter. Obwohl eigentlich nicht geplant, beschließe ich nach Mittag noch einen Abstecher nach Brasov, einer 300.000 Einwohnerstadt vor den Südkarparten zu machen, um dort den begehrten Pneu zu bekommen.
Bild 2: Mein Retter in Brasov
Am Stadtrand gleich ein großer Reifenhändler. Die Dame spricht etwas Englisch und fängt an zu telefonieren. Schließlich reicht sie mir den Hörer und am anderen Ende ertönt eine Männerstimme in perfektem Oxford-Englisch. Nein 19“ habe er nicht, könne aber innerhalb eines Tages besorgt werden. Mir ist dies zu lange, da meine Reisezeit ja deutlich begrenzt ist. Als Tipp nennt er mir einen Motorrad-Verkaufsladen im Stadtzentrum. Also dorthin durch den Großstadtverkehr. Ein smarter Verkäufer nimmt meinen Wunsch entgegen und fängt an, verschiedene Telefonate zu führen. An seiner Miene kann ich jedoch sehen, dass es schlecht um mich bestellt ist. Schließlich meint er, meine einzige Chance sei der Russenmarkt am anderen Ende der Stadt. Der Markt sei schwierig zu finden, deshalb komme gleich ein Freund vorbei um mich dorthin zu bringen. Bevor ich etwas entgegnen kann knattert es auch schon vor dem Schaufenster und eine 250er Vorkriegs NSU mit zeitgemäßen Liftings kommt angeprescht. Der Fahrer begrüßt mich kurz und nach einem kritischen Blick auf die 51/3 bedeutet er mir ihm zu folgen. Er heizt wie ein besessener zwischen qualmenden „Ro MAN“ LKW´s und stinkenden „Dacia´s“ hindurch. Schnell gebe ich die heiße Verfolgungsjagd auf und er muß also bei jeder Ampel auf mich warten, um dann gleich wieder loszuballern. Den Markt hätte ich tatsächlich nie alleine gefunden, doch leider auch hier Fehlanzeige. Sein Mobile klingelt und seine Züge hellen sich auf: Ein Mann sei mit Reifen unterwegs in die Stadt und wolle uns in 20 Minuten am Russenmarkt treffen. Ich bin völlig baff. Wir vertreiben uns die Zeit und diskutieren auf englisch über unsere Maschinen. Schließlich kommt ein weißer FIAT mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz gefahren. Auf seinem Dachgepäckträger: Zwei Motorradreifen. Der ersten Euphorie folgt leichte Enttäuschung: Die beiden 100/90 Metzlers sind auch schon bis unter die TWI – Marke abgefahren. Er verlangt 20€ pro Stück. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 200€ der reinste Wucher. Mein Guide ist verlegen und sämtliche Verhandlungsversuche scheitern, denn der ausgebuffte Reifenhändler hat meine Notlage erkannt. Also muß ich in den sauren Apfel beißen. Der Reifen wird am Rucksack befestigt und ich danke meinem Motorradkollegen und Retter herzlichst. Der wehrt ab:“..see, we are all just bikers!“ – Und schon rast er wieder los. Ich verlasse Brasov ohne größere Besichtigungen und fahre tiefer nach Siebenbürgen. Kurzer Aufenthalt im mittelalterlichen Sighisoara.
Bild 4: Zeltplatz an einer Kuhtrift
Einen Platz zum Zelten finde ich zwischen einigen Büschen am Ende einer steilen Kuhtrifft. Bis ich mich durch den noch etwas aufgeweichten Boden dort hoch gearbeitet habe, kommen mir Zweifel. Sagte mir nicht jemand, dass es heute nacht regnen sollte? Wenn ja, wäre die Abfahrt auf der Schmiere höchst gefährlich, da die Trift durch bis zu einem Meter tiefe Wasserfurchen durchzogen ist, und wenn ich dort hinein rutsche...
Ich koche mir eine Gemüsesuppe und schlafe unruhig.
Freitag (Siebenbürgen und Westkarpaten)
Meine Befürchtungen bewahrheiten sich nicht. Die Sonne scheint am nächsten Morgen und ich fahre nach Frühstück und Katzenwäsche nach Medias, wo ich endliche meinen Reifen gewechselt bekomme. Der alte ist inzwischen in der Mitte auf einer Breite von 5 cm „profilfrei“. Bis nach Hause wäre das schon knapp geworden.
In Siebenbürgen jetzt verändertes Dorfbild. In den zum Teil bis heute von deutschstämmigen bewohnten Orten, sehen die Häuser tatsächlich wie daheim aus. Ich erreiche die Westkarpaten, auch hier wieder bewaldete Hügel, oben oft Gras und Almen. Ich zweige von der Passstrasse ab und lege mich in die wärmende Bergsonne. Zu Mittag backe ich mir Eier mit Speck. Weiter durch kleine Orte und baufällige Zigeunerdörfer. In einem „Magazina Mixta“ Tante-Emma-Laden spricht mich eine Frau auf deutsch an. Sie erklärt mir, sie sei jedes Jahr in Deutschland. Nein, nicht Urlaub, Spargelernte bei Frankfurt. Ich komme mir schon etwas schlecht vor.
Gegen Abend geht es noch einen Pass hinauf ins Lesu-Feriengebiet. Wieder der verdächtige Hinweis auf Schneeketten. Auch der im letzten Dorf befragte „local“ hatte abwehrende Handbewegungen gemacht, als ich ihm erklärte, dass ich über den Pass ins nächste Tal fahren will – immerhin auf der Landkarte eine gelbe, also bessere Straße.
Bis zur Passhöhe ist der Weg auch asphaltiert und nahezu schlaglochfrei. Nach dem Pass geht es dann in einen dunklen Wald. Die Straße war wohl vor einigen Jahren hier einspurig geteert, doch jetzt sind davon nur noch Fragmente in der Fahrbahnmitte erkennbar. Der Rest Schotter und Schlaglöcher. Es geht durch eine enge Klamm, steile Felsen, rechts in 20 Metern Tiefe rauscht der Gebirgsbach. Zunächst spannend, aber nach 20 Kilometern langsam anstrengend. Es ist fast völlig dunkel, als sich das Tal wieder erweitert. Vor mir tauchen Zelte mit hellen Lagerfeuern auf. Ich hatte bereits gehört, dass es für die rumänischen Stadtbewohner üblich ist am Wochenende zum Camping in den Wald zu fahren. Sollte ich mich einfach dazu stellen? Während ich noch neben einem Zelt stehe und überlege, kommt bereits ein freundlich winkender Mann auf mich zugelaufen. Ja, natürlich könne ich hier zelten. Am besten gleich neben ihm. Das Essen sei noch warm und ich möge gleich herüberkommen. Wiedereinmal bin ich in ungläubiges Staunen versetzt. Also die BMW abgestellt und hinüber zum Nachbarzelt. Die Frau des freundlichen Rumänen ist Zigeunerin und ich bekomme am Feuer gekochten Maisbrei mit Ziegenkäse und Yoghurt. Nach dem Hauptgang noch Röstbrot mit Schinkenbrocken. Wir unterhalten uns prima über Land und Leute. Nachdem ich im dunklen mein Zelt aufgebaut habe, laden die beiden mich zum Bier in eine nahe Kneipe ein. Richtig wohl ist mir zugegebenermaßen nicht dabei, mein treues Motorrad alleine zu lassen. Hat er nicht anfangs gleich nach dessen Wert gefragt, und überhaupt Zigeuner? Natürlich ist noch alles unberührt an seinem Platz als wir einige Stunden später wieder zurückkommen. Verdammte Vorurteile!
Samstag (Westkarpaten und Rückfahrt)
Nachts hat es geregnet und morgens ist es trübe. Ich packe meine Sachen und genieße noch einen leckeren Kaffee bei meinen neuen Freunden. Heute muß ich Rumänien wieder verlassen. Ich fahre die Westkarpaten weiter Richtung Norden, zunächst noch auf Schotterpisten über zwei Pässe, dann bei einsetzendem Regen durch mittelgebirgsähnliche Landschaften. Einen ortskundigen Rumänen, der mit mir unter dem gleichen Baum Schutz vor einem Platzregen sucht, klemme ich zwischen mir und der Gepäckrolle ein und nehme ihn ein Stück mit. Schließlich noch einen Abzweig übersehen und eine Stunde Umweg gefahren. An der Grenze bei Oradea dann Streß mit den ungarischen Zollbeamten. Sie wollen meine Fahrzeugpapiere sehen. Nun ich gebe zu, die BMW sieht nach den vielen Schlammpisten und dem verregneten Tag wirklich erbärmlich aus und der Verdacht, dass sie aus Rumänien heimlich überführt werden soll kommt nicht von irgendwoher. Ich kann den Beamten leider auch nicht helfen. Deute immer wieder auf die Nummernschildplakette und muß anfangen meine Taschen zu leeren. Schließlich, ich nehme an aus Mitleid, darf ich fahren. Wieder die ganze nacht hindurch und den folgenden Sonntag brauche ich noch bis abends um zehn. Doch den Rückfahrtstress nehme ich gerne in Kauf, schließlich ist mir klar, dass ich in Rumänien nicht das letzte mal gewesen bin.
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