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Rumänien II von Jochen Schmidt Amönau
Alle waren dagegen. Meine Frau und meine Familie vorne weg. Die Arbeitskollegen fanden den Zeitpunkt ungünstig und selbst unsere Katze mochte ihr Lieblingsfutter nicht mehr richtig fressen. Meine Freunde hielten mich einfach nur für verrückt. Mit dem alten Motorrad? Nochmal bis nach Rumänien? Was gibt’s denn da so besonderes? Alle Rechtfertigungsversuche verhallen sinnlos, aber es hilft nichts.
Kurzum ich musste noch mal los. Südkarpaten das Zauberwort. Alles ganz kurzfristig. Maschine gecheckt, Öl gewechselt, Zündung und Ventilspiel. Die noch in durchgescheuerten Frühstücksbeuteln verpackten staubigen Reiseersatzteile herausgesucht, Soziussattel ab, dafür die noch dreckigen, sturzgezeichneten Satteltaschen dran. Kochgeschirr, Schlafsack und Zelt finden sich in einer Bananenkiste am Dachboden. Ein kurzer Streifzug durch den heimischen Edeka füllt mir die Essensvorräte. Als Extrafeature diesmal ein einst ersteigerter, doch nie benutzter Tankrucksack. Freitag Nachmittag alles verpackt, noch eine Stunde geschlafen und um 19:00 starte ich durch.
Die BMW springt vertrauenserweckend beim ersten Tritt satt an. Kein Tupfen, kein Choke, genau wie in den Erzählungen. So bringt sie mich mit beruhigendem Motorklang in die Nacht. Ich habe mich diesmal für die Route über Budapest entschieden, was sich zumindest für die Hinreise als gute Wahl erweisen soll. Morgens um 7:00 erreiche ich den Neusiedler See, wo ich mich für ein paar Stunden in einen Weinberg lege. Trotz der über mir befindlichen Einflugschneise zum Wiener Flughafen wache ich erst um zehn Uhr deutlich erholt auf und mache mich nach kurzem Schokoladenfrühstück wieder auf den Weg. Die Vignettenpflicht in Ungarn wird zunächst demonstrativ ignoriert. Erst als ich die Kontrollpunkte an den Parkplatzenden sehe und mich sogar noch ein kamerabestückter Kontrollwagen überholt, entschließe ich mich doch noch die 7 Euro zu investieren.
Um 17:00 erreiche ich Rumänien und fahre über Arad nach Temeschwar. Beim Rundgang durch die belebte Fußgängerzone brauche ich mir um das Motorrad keine Sorgen zu machen. Direkt neben meinem Parkplatz macht die örtliche Polizeigruppe Antiterror-Vorführungen, wobei es von Polizisten aller „Waffengattungen“ nur so wimmelt. Ich fahre schließlich noch einige Kilometer aus der Stadt heraus, wo ich hinter einer dicken Hecke mein Zelt aufschlage. An Ruhe ist jedoch zunächst nicht zu denken, da sich ein Traktor im Dunkeln auf der anderen Heckenseite zu schaffen macht. Suchen die mich? Immer wieder Stimmengewirr. Oder schicken die jetzt einen wilden Bullen auf meine Wiese? Die Hecke erlaubt keine Sicht. Nachdem immer vernehmlicher Schimpfen und sonstige offensichtliche Unmutsbekundungen zu vernehmen sind, wechsle ich schließlich die Heckenseite. Auf der Straße befinden sich drei Jugendliche, die ein Problem mit der Vorderradaufhängung ihres prähistorischen Traktors haben. Sie schauen mich groß an, als ich plötzlich aus der Dunkelheit vor ihnen auftauche. Mein Hilfsangebot wird jedoch leichtfertig abgelehnt:“If you don´t know this car, then you can´t help us.“ Da bin ich eigentlich auch nicht wirklich böse drum denn es sieht hier wirklich nach schlammiger und öliger Dreckarbeit, mitten auf der Schlagloch übersähten Schotterpiste aus. Also verschwinde ich wieder lautlos in der Dunkelheit um jetzt beruhigt schlafen zu können.
Morgens weckt mich wieder Flugzeuglärm. Irgendwie habe ich ein Faible für Einflugschneisen. Es hat nachts etwas geregnet, aber morgens ist es trocken. Beim Zusammenpacken dann eine erschreckende Entdeckung. Das Mobiltelefon hat sich beim nächtlichen Verstauen selbst eingeschaltet und ist beleuchtet in der PIN-Abfrage hängen geblieben. Die Batterie ist fast leer, und das wo ich sämtliche Motorradeide schwören musste, mich täglich zu Hause zu melden. Nun gut, erst mal geht es jedenfalls Richtung Karpaten. Einige Kilometer später halte ich bei einem Brunnen um meine Trinkwasservorräte aufzufüllen. Ein Rumäne mit poliertem BMW und Wiener Kennzeichen sieht meine entgleisenden Gesichtszüge, während ich das stark schwefelhaltige Wasser ausspucke. Das Wasser komme aus 800 m Tiefe und sei hervorragend nach durchgezechten Nächten. Alle Leute aus der Gegend würden es sich hier holen. Nun gut, wenn er´s sagt. In Petrosani kaufe ich mir am Markt noch Ziegenkäse und Gemüse und dann zweigt die Straße endlich ins Gebirge ab. Es ist inzwischen kühl und diesig geworden.
Bild 1 Schotterstrecke am Pasul Tartarau
Mit zunehmender Höhe wird es nun auch noch neblig. Über einen geschotterten, aber gut befahrbaren Pass komme ich schließlich in eine Senke mit typischem rumänischem wildem Campingplatz. Mindestens 50 Zelte stehen hier am Rande des Flußufers. Aus der Senke kann man rechts oder links einen Pass befahren. Da es schon später Nachmittag ist, beschließe ich, den 2228m hohen südlichen Pass zu befahren, um dort oben evtl. zu übernachten. Ein großes neues Hinweisschild weißt auf einen „Drum Interruptus“ in 30km hin. Ok , „Drum“ heißt „Straße“, soviel weiß ich. Nach meiner Karte müsste die Passhöhe bereits nach 20km kommen. Wäre also ok. Doch weit gefehlt: Bereits nach 3km wird der Weg so schlecht, dass ich umkehre. War es zunächst noch ein durchschnittlicher mittelhessischer Waldweg mit gewisser Häufung an wassergefüllten Schlaglöchern, so existiert nun nur noch ein zweigleisiger, nasser und grasbewachsener Waldweg, durch den sich Baumwurzeln schlängeln. Für 17 km Fahrtstrecke und 1000m Höhenunterschied ist mir das dann doch etwas zu heftig.
Also versuche ich mein Glück bei dem anderen ausgeschilderten, 1678m hohen Pass links der Senke, doch auch hier gibt es Probleme: Bei der anfangs noch gut befahrbaren Splitstrasse, ist den Bauherren nach ein paar Kilometern offensichtlich der Feinsplitt ausgegangen. Aus der Not heraus hat man sich mit Flusskies beholfen. Vom Ansatz her nicht schlecht, da die runden Flusskiesel den Reifen weniger wie spitze Steine schaden. Lediglich die Größe der Steine ist etwas unpassend. – Sie bewegt sich irgendwo im Bereich zwischen Schneeball und Tiefkühlhähnchen, was das Motorradfahren nicht gerade zum Vergnügen macht. Aber viele Autospuren auf den sandigen Zwischenstücken zeugen von der Befahrbarkeit des Passes und schließlich war das Straßenschild, welches auf Pass und nächste Ortschaft in 40 km Entfernung hinweist nach bestem westeuropäischem Standard, futschneu und selbstreflektierend. Ich quäle mich in Schrittgeschwindigkeit durch die Steinpassagen. Als die Strasse etwas besser wird gelingt es mir eine Herde Maultiere zu überholen und ich erreiche schließlich nach ca. 10 km die Passhöhe. Diese ist leider sehr enttäuschend, da alles dicht bewaldet und als Übernachtungsplatz völlig ungeeignet ist. Also beschließe ich, wieder zurück in die Senke zu fahren.
Nach einigen hundert Metern dann ein ungewohntes Klappen am Motorrad. Eine Schraube am vordern Kotflügel hat sich gelöst. Ich mache einen technischen Halt und prüfe bei der Gelegenheit noch sämtliche erreichbaren Schrauben auf Anzugs und Lösemoment. Alles wird gleich mit Lack versiegelt. Bis ich mein Werkzeug wieder verstaut habe fängt es jedoch zu donnern an. Ich flüchte vor dem einsetzenden Schlagregen in ein Fichtendickicht, um dann kurz vor dem völligen Durchnässen wieder den Rückweg ins Tal anzutreten. Inzwischen ist es auch schon fast Abend und ich fahre bis zu den letzten Zelten den Fluß hinauf, wo ich ein verlassenes aber noch glimmendes Lagerfeuer finde. Während ich noch Wiederbelebungsversuche an dem Feuer durchführe kommt ein Angler vorbei. Ich frage, natürlich mit Hilfe von Gesten, ob ich hier zelten könne und er nickt freudig. Er erklärt mir per Zeichensprache, dass er mit seinem Freund und ihren Frauen am anderen Ufer zelte und dass es dort „Naturale“ gebe. Da er sehr aufgeregt wirkt, gehe ich schließlich mit und er zeigt mir seinen „Naturale“: selbst gebrannter Zwetschenschnaps, von dem er mir gleich voller Stolz einen Erlenmeyerkolben voll füllt. Ja, wirklich lecker süß und ziemlich stark... . Ich deute auf meinen Bauch, dass ich erst mal was essen müsse. Unverwehens habe ich auch schon einen Teller mit Hackfleischröllchen vor mir stehen. Sein „Collega“ und die beiden Frauen schauen neugierig zu, während ich koste. Ich werde auch schnell gefügig und wir beschließen mein Zelt bei ihnen aufzubauen. Während ich dann meine Klamotten ins Zelt lege, sehe ich ein Stromkabel in Richtung ihrer Zelte verlaufen – und tatsächlich, am Ufer steht die „Maschina“, dass Notstromaggregat. Ja – die Rettung für mein Telefon. Der Abend wird lustig, es gibt Bier und Schnaps, die Frauen braten leckere rumänische Rindsbratwürste, dazu die traditionelle rumänische Suppe, die wie ich lernen konnte mit frischem, scharfen Pepperoni gegessen wird, Schafskäse , Tomaten, Reisbällchen und vieles mehr. Wir sitzen am Lagerfeuer und das Aggregat surrt leise – interessanter Weise jedoch nicht zur Beleuchtung: in der Steckdose stecken die Ladegeräte dreier Mobiltelefone.
Vor dem Zubettgehen wird schließlich noch eine antike Karbidlampe, die aussieht als sei sie aus einem Blindgänger des letzten Weltkrieges geschmiedet worden, gezündet. Gegen die Bären, wie man mir zu verstehen gibt. Aha.
Am nächsten Morgen wird am Feuer süßer Kaffee und Tee mit Zitrone gekocht. Aus dem Autoradio des rostigen Renault Repro´s tönt rumänische, rythmusbetonte Folklore. Zu essen gibt es die abendlichen Reste, Honigbrote und Tomaten. Zur Verdauung noch mal ein Schluck „Naturale“ und gegen den leichten Kopfschmerz hilft mein Schwefelwasser. Mit gefülltem Bauch und vollem Telefon-Akku verabschiede ich mich von den freundlichen Gastgebern um durch das Tal weiter nach Osten zu fahren. Auf asphaltierter Strasse fahre ich durch kleine Holzfällerdörfer, die Häuser mit trapezförmigen Dächern und holzverschindelt. Immer wieder Imker, die in Zelten neben Ihren oft über 50 Völker starken Bienenständen dem Nieselregen trotzen. Gegen Mittag wird es dann sonnig und ich erreiche die Haupt Nord-Südachse durch die Karpaten, welche ich Richtung Norden befahre. Dies ist äußerst gefährlich, da die Geschwindigkeit einerseits durch einzelne plötzlich auftauchende Schlaglöcher und schlechten Straßenbelag begrenzt ist und andererseits bei zu langsamen Fahren die LKW´s gnadenlos überholen. Ich fahre bis an den Rand der Karpaten um dann 50 Kilometer östlich die nächste Hauptroute Richtung Süden durch die Berge zu nehmen. Diese schlängelt sich aber in vielen Spitzkehren bis zur Passhöhe auf 2000m hinauf und wird praktisch ausschließlich von Touristen befahren.#
Bild 2 Paßstraße am Negoiu
Der BMW gefällt die Strecke. Nur beim Beschleunigen auf den steileren geraden Stücken spüre ich dieses mahlende Vibrieren aus dem Achsantrieb, dass eine beginnende Karies ankündigt. Gut, der Antrieb hat seine 130 tausend Kilometer gelaufen und die Zahnräder sahen bei der letzten Wartung nicht mehr so ganz frisch aus. Damals hatte sie nur der Gedanke, dass ein Nachbau-Radsatz möglicherweise nicht besser als das gebrauchte Original ist, vor der Schrottkiste bewahrt. Also etwas langsamer fahren, ist ja auch besser für den Motor.
Auf der Passhöhe herrscht buntes Treiben. Fliegende Händler, einige Gaststätten. Am Westhang sieht es aus wie am Everest Basislager. Dutzende Igluzelte heben sich farbenfroh von den Grashängen ab. Hier übernachten die zahlreichen Karpatenwanderer. Es ist früher Nachmittag und auch ich beschließe eine kleine Wanderung zu machen. Festes Schuhwerk und regensichere Kleidung habe ich ja und die Wanderwege sind gut markiert. Leider bleibt mir das letzte Stück zum Hausberg verwährt, da dichter Nebel am Gipfel herrscht und in der Ferne Gewittergrollen zu hören ist. Ein Bergunfall auf einer Motorradtour wäre natürlich oberpeinlich und ich kehre lieber um. Unten baue ich mein Zelt zwischen den anderen auf. Es gibt frisches Gebirgswasser aus einem Quellrohr und ich genieße den Blick ins Tal in die Gegend von Hermannstadt. Lediglich die Idee auf 2000m Höhe mit einem Benzinkocher eine Suppe aus frischen Kartoffeln und Paprika zu kochen erweist sich als unklug und ich esse die Zutaten schließlich „aldente“. Als dann auch der letzte Händler sein Notstromaggregat abschaltet falle ich in einen tiefen Schlaf.
In aller Herrgottsfrühe werde ich wach. Obwohl ich meinen kompletten Kleidersack geplündert habe und alles übereinander angezogen habe, bin ich völlig durchgefroren. An Schlaf ist nicht mehr zu denken und ich stehe in der Morgendämmerung auf um mir einen heißen Tee zu kochen. Draußen ist alles Grau in Grau. Nachts hat es bereits geregnet und ich nutze die trockene Stunde für Frühstück und Abbau um rechtzeitig vor dem nächsten Schauer um 6:00 Uhr wieder unterwegs zu sein. Die Passhöhe endet in einem Tunnel, der die letzte Bergkuppe durchsticht. Drüben schlängelt sich die Strasse wieder in Spitzkehren Richtung Tal. Ein Traum für jeden Alpenfahrer. Als ich in einer Galerie meine Überschuhe anziehen will steigen mir Dampfwolken vom Achsantrieb entgegen. Wegen der nassen Straße habe ich fast nur hinten gebremst, was die Bremse überhitzen ließ. Jetzt sehe ich, wie sich die schöne schwarze Lackierung der Radnabe langsam in stechenden Rauch auflöst. Als sich die Sache etwas abgekühlt hat, fahre ich langsam weiter. Die Strasse scheint sich ins unendliche zu ziehen. Alle paar Meter wurden Schlaglöcher provisorisch mit Teerflecken ausgebessert. Es ist ein ständiges Hoppeln über den geflickten Belag und man fragt sich unwillkürlich, für welche Anzahl Lastwechsel die BMW-Konstrukteure damals wohl so eine Gabel- oder Hinterachsfeder ausgelegt haben. Auch wird mein Sprit langsam knapp. Die gesamte Passstrasse ist über 150 km lang – ohne Tankstellen und ohne geschlossene Ortschaften. Ich bin heilfroh, als ich endlich wieder eine Stadt erreiche. Am Markt werden Gemüse, Brot und Eier gekauft. An der Tankstelle auch der hakelnde Bremslichtschalter provisorisch repariert. Die Dauerbremsbeleuchtung hat die Batterie aufgezehrt. Dann geht’s weiter Richtung Rasnov durch Voralpenähnliche Hügellandschaften. Im Hintergrund ist der Karpatenhauptkamm immer wieder mehr oder weniger in Wolken gehüllt zu sehen. In Danboviciona wird noch eine Kalkfelsenschlucht besichtigt, das enttäuschend unspektakuläre Draculaschloß lasse ich jedoch rechts liegen, da es dort von Touristen nur so wimmelt (und ich außerdem auch erst am nächsten Tag dem Reiseführer entnehme, worum es sich bei der Burg handelt).
Bild 3 Die Karpaten, immer im Blickfeld.
Ich biege kurz vor Brasov Richtung Süd-Osten ab. Im Wintersportgebiet von Parail sehe ich die erste Anzahl von Zelten. Dummerweise ist es erst 16:00 Uhr und ich beschließe noch bis ins Feriengebiet Cheia zu fahren (grüner Stern auf Landkarte!!). Was nah aussah kostet mich doch zwei Stunden Fahrzeit, während derer ich zwar schönste Felsformationen sehe, aber keine geeigneten Schlafplätze.. Auf einer Passhöhe frage ich einen Förster, wo ich zelten könne. Er warnt vor Roma in dieser Gegend und ein Blick auf sein Ärmelabzeichen mit aufgesticktem grimmig drein blickendem Bärenkopf verrät mir, dass auch ein einsames Versteck im Wald hier keine kluge Wahl darstellt. Also weiter Richtung Cheia. Der Nieselregen ist inzwischen in heftigen Dauerregen übergegangen und es wird dämmrig. Haufenweise brutalst mögliche LKW´s und ich muß feststellen, daß meine Bremslichreparatur nicht geglückt ist. Scheinwerferlicht habe ich jedenfalls nur beim ordentlichen Gas geben. Mitten im Regen finde ich in der Nähe von Cheia schließlich eine stattliche Ansammlung von Zelten. Demonstrativ fahre ich an ein paar Zeltgruppen mit Pavillions vorbei, werde aber dummerweise nicht weiter beachtet. Also bleibt nichts anderes übrig, als noch 20 Minuten wie ein begossener Pudel zu warten, bis der Regen schließlich aufhört. Als er es tut, kann ich nur noch hastig mein Zelt aufbauen und im Dunkeln die Reste meiner ursprünglich mal 5 Eier braten. Nachts regnet es wieder ziemlich und als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt schaue sieht es noch nicht sehr vielversprechend aus. Tatsächlich hat sich jedoch eine Fönwetterlage aufgebaut und ein warmer Wind trocknen mir Zelt und Schlafsack. Inzwischen sind auch die Nachbarn neugierig geworden. Ich bekomme meinen Begrüßungscognac und es werden die obligatorischen Fotos auf meinem Motorrad geschossen. Regenfrei fahre ich schließlich weiter und im Tal wird es sogar sonnig und warm, so dass auch endliche meine lange Unterhose überflüssig wird.
Bild 4 Baumarkt auf rumänisch
Hier wird viel gebaut. Ganze Straßenzüge in denen Mutter, Vater und Opa gemeinsam einen Graben für Wasserleitungen ausschaufeln. Auch der Hausbau schreitet voran. Alle erdenklichen Baumaterialien werden auf Panjewagen mit Pferdekraft zur Baustelle gebracht. Selbst Ziegelsteine werden noch selbst gebrannt und an der Strasse im Dutzend verkauft. In Valeni de Munte verpasse ich dann leider die Abfahrt nach Osten. Meine Karte zeigt jedoch ein Stück weiter südlich eine weitere Querung, die ich zu fahren beschließe. Nun, den heutigen Tagesfehler hatte ich bereits zu Hause vor der Abfahrt begangen, in dem ich die Schwarz-Weiß Kopie der Landkarte in den Tankrucksack gesteckt hatte. Viel später, beim Studieren der Original Landkarte stelle ich fest, dass die von mir gewählte zweite Querung leider nicht gelb, sondern „nur“ weiß eingezeichnet ist. Dies weiß ich zum Zeitpunkt des Abbiegens leider noch nicht und ich folge wohlgemut der auch hier brandneuen Straßenbeschilderung, die sicherlich auch auf eine brandneue Straße hinweist – oder?. Als nach gut 20 km auf Schlagloch übersäter Teerpiste der Teer in Schotter wechselt, ist mir schon klar, dass es hier nicht mehr wirklich besser wird. Die Hemmschwelle eine ¾ Stunde zurückzufahren ist jedoch größer und außerdem die Landkarte und diese glänzenden selbstreflektierenden Straßenschilder... . Auf einer längeren Steigung am Ende eines Dorfes geht der Schotter wieder in die bekannten Flusskiesel, Ausführung extra large, über. Die Weiterfahrt im Schritt-Tempo ist äußerst mühsam. Ich frage ein älteres Ehepaar nach dem Weg, in dem ich auf meine Landkarte deute. Der Mann schaut erst die Karte und dann mich lange und fragend an. Okay, auch ich habe sicherlich irgendwann in meinem Leben meine erste Landkarte zu Gesicht bekommen... . Also weiter. Nach 100m wieder ein Fußgänger, diesmal mittleren Alters. Ja (mittels Zeichensprache), das gesuchte Dorf komme in einigen Kilometern. Ob die Straße gut (drum bene) ist? Er lächelt: Mit dem Auto etwas schlecht, aber mit der „Maschina“ ginge es wohl. Aha. Ich danke und komme nach einigen hundert Metern tatsächlich auf einen feingeschotterten Höhenweg. Freude am Fahren.
Bild 5 Auf Schotterpisten bei Valenii de Munte.
Schließlich sehe ich das Dorf am Fuße des Berges. Die Straße dahin lässt jedoch nichts Gutes ahnen. Straße ist auch schließlich nicht mehr der richtige Begriff. Geröllfeld trifft es wohl eher. Es erstreckt sich auf ca. 200m Länge bei geschätzten 30% Steigung durch lockeren Schutt hinab. Die Fußbremse blockiert sofort und nur mit Hand und Stiefelbremse drifte ich halbwegs kontrolliert hinunter. Auf halber Strecke dann das Unmögliche: Mir kommt ein Uralt Tank LKW (So ein rumänischer MAN-Lizenznachbau, laut Kühleremblem RoM.A.N genannt) mit Heizöl entgegen. Will der hier hoch?? Er macht Lichthupe und ich weiche pflichtbewusst aus um mir das Schauspiel anzusehen. Immer wieder drehen die Räder durch und er muß ein Stück zurück und Schwung holen. Hinten tropft Heizöl. Schließlich schafft er es an mir vorbei und ich zücke den Fotoapparat. Dummerweise bleibt er jedoch ein Stück oberhalb wieder stecken. Die Räder drehen durch, das ganze Gefährt rutscht aber langsam rückwärts – direkt auf mich zu! Schon interessant, wie schnell man so einen Fotoapparat und die Handschuhe wegstecken und mit einem Motorrad den Geröllhang abfahren kann... .
Bild 6 Schafft er’s oder schafft er’s nicht?
Unten wird die Straße zwar besser, dafür fehlt aber jetzt die Beschilderung. Ich frage ein paar Teenies auf Englisch. Der Anführer wird knallrot und versucht zu helfen. Die Girlies souflieren von hinten. Dummerweise reicht seine Ortskenntnis nicht weiter als fünf Kilometer Umkreis: „I don´t know a town called ... I know only this place!“ –Reicht ja eigentlich auch. Ich folge jetzt nur noch der jeweils größten Straße und erreiche – oh Wunder – nach wenigen Kilometern die Kreuzung, die ich drei Stunden zuvor verpasst hatte.
Ich schlage nun einen ca. 100 km langen Bogen um aus Südosten auf Brasov zu zu fahren. Unterwegs immer wieder Lehmhäuser, kleine Siedlungen und viel in Handarbeit getätigte Landwirtschaft. Alles wahnsinnig schön und beeindruckend. Wehmütig denkt die BMW an ihre Jugendjahre zurück. Gegen 17:00Uhr erreiche ich erst Brasov und es reicht nur noch für einen kleinen Bummel durch die schöne Altstadt. Im 30 Kilometer entfernten Zarnesti erklärt mir eine freundliche Verkäuferin (Magazina Mixta) den Weg über 10km arge Schotterpisten zu einer Cabana, wo ich am Fluß mein Zelt aufbaue. Auch hier stehen schon einige Zelte und als es dunkel wird geselle ich mich zu der benachbarten Jugendgruppe, die mit Akkordeon, Balalaika (oder so was ähnliches) und Gitarre einen Folklore Abend zelebriert.
Ich muß mich vorstellen, wobei mir gleich alle durcheinander ihre Deutschkenntnisse zurufen („Isch liebe Disch“, „Isch bin soo glücklisch“, usw.“). Ganz ungeteilt war die Liebe zu Deutschland, denn wohl doch nicht, da ich zum Schlafengehen zunächst die durchschnittenen Zeltseile wieder zusammenknoten musste ... .
Am nächsten Morgen ist es sonnig und warm und ich nehme ein Bad im Bergbach. Aus einem Gespräch mit einem anderen Zeltnachbarn – diesmal ohne Alkoholzwang – erfahre ich, dass es hier eine super Wanderregion ist. Leider muß ich jedoch weiter, langsam wieder Richtung Westen, diesmal an der Nordseite der Karpaten entlang. Ich fahre kleinere asphaltierte Nebenstrecken und träume, während die BMW vor sich hin schnurrt. Ein jäher Schlag reißt mich aus den Gedanken: Ich habe ein Riesenschlagloch übersehen! Unwillig hoppelt die BMW noch ein paar Meter weiter, bis ich sie zum Stehen bringe. Durch den Schlag ist die hintere Geradwegfederung bis an den oberen Anschlag durchgefedert und hat sich dort verklemmt. In Schrittgeschwindigkeit fahre ich bis zum nächsten Dorf weiter. Dort halte ich bei zwei Männern, die im Schatten vor ihrem Haus ruhen. Der Eine, Träger des USB-Sticks am Bande, kann tatsächlich ein paar Brocken Englisch. Die nächste Werkstatt – ich denke an eine Presse zum Entspannen – sei in der 15 km entfernten Stadt zu finden. Zu riskant bei diesen Straßen. Ein Achsbruch wäre das Aus. Also versuchen wir gemeinsam das Hinterrad einzufedern, wobei ich die verklemmten Schutzhülsen neu ausrichte, schließlich mit Erfolg. Ich danke den Beiden, die mir hilfsbereiter Weise noch erklären, dass es um die Ecke auch eine Werkstatt gäbe, falls noch etwas sei. Gemeinsames Männerlachen.
Bild 7.Motorräder sieht man hier eher selten.
Ich befinde mich inzwischen wieder in Siebenbürgen mit den typischen Straßendörfern. Auf den Feldern Frauen in Tracht mit typischem Strohhut, auf den Strassen Ochsen und Pferdegespanne. Ein Abstecher bringt mich nach Sibiu (Hermannstadt), das als diesjährige Europäische Kulturhauptstadt seinen gepflegten und aufgeräumten Charme versprüht. Tatsächlich sehe ich auch die Handwerksgesellen auf der Walz, von denen ich im Radio gehört hatte. Das die Typen („Hey cooles Mopped“) mit Rastalocken und Tatoos gesegnet sind, davon war in dem Bericht natürlich nicht die Rede. Auf der Weiterfahrt auf der Hauptstrecke dann schon wieder Pech. Cops winken mich auf einen Parkplatz heraus. Fahren ohne Licht. Doppelt ärgerlich, nicht nur dass ich die Ausfahrt verpasst hatte und sowieso schon wieder auf der Nebenstrasse sein sollte, auch muß wohl kurz zuvor der Fernlichtfaden der Birne durchgebrannt sein. Doch beides zählt nicht. Ich muß die 30 Euro berappen, und nur mein jämmerliches Aussehen und der traurige Dackelblick beim Bezahlen bewahren mich vor der 300 Euro-Strafe für den Nichtbesitz der Grünen Versicherungskarte (Verdammt, woran man alles denken muß.). Einziger Lichtblick, der Inspector kann mir eine Abkürzung in das verpasste Dorf erklären. Hier fahre ich dann wieder durch Hügellandschaften vor der Kulisse der Karpaten. Interessant: Hier werden Schaffsfelle zum Trocknen auf den Hügeln ausgelegt und aus einiger Entfernung sieht alles wie schneebedeckt aus. In einer völlig abgelegen Kleinstadt erreiche ich einen Markt mit nur einem Marktstand. Ein zahnloser zerfurchter Rumäne verkauft Paprika & Co. Ich deute auf einige Tomaten, doch sein kleinstes Wiegegewicht ist schon 2kg, die ich natürlich nicht gebrauchen kann. „Suppa“ erkläre ich ihm. „SUP-PAA“ und mache eine löffelnde Bewegung mit Hand und Mund. Endlich begreift er und lädt mir mit strahlendem Gesicht eine Tüte voll Gemüse ein. Eine Bezahlung wird kategorisch abgelehnt. Am Ortsende führt wieder nur ein Feldweg weiter. Ich befinde mich hier auf einem Plateau auf 1400m Höhe und kann das nächste Tal in welches ich hinab will quasi schon sehen. Wieder so eine blöde Entscheidungssituation. Soll ich weiter fahren? Ratternd kommt mir ein mit Sägewerksabfällen hoch beladener RoM.A.N. entgegen. Also, wo der hoch kommt muß ich auch runterkommen. Die nun folgenden zehn Kilometer Strecke wären ein Fest für jeden Downhill Mountainbiker.
Bild 8 Serpentinenstrecke bei Sugag
Über 600 Höhenmeter schlängelt sich ein Sandweg, oft mit tiefen Gleisen über lange Serpentinen den bewaldeten Steilhang hinab. Nach ein paar Kilometern treffe ich auf rumänische Touristen im Auto. Nein, ich habe auch keine Ahnung, ob der Weg befahrbar ist. Noch ein paar Kilometer weiter kommt mir ein schwitzender Straßenarbeiter mit Schippe und Pickel entgegen. Nein, ich kann dich nicht nach oben fahren! – Lasse ihm aber eine Kippe für den langen Marsch da. Nach einer halben Ewigkeit bin ich dann endlich unten, wieder auf asphaltierter Straße in bewohnter Gegend. Das enge Tal ist zum Zelten ungeeignet und als die Straße breiter wird, entdecke ich ein Hinweisschild auf eine Cabana, dem ich nach den gestrigen guten Erfahrungen folge. Doch schon erwartet mich der nächste Alptraum. Durch dichten Wald geht es wilde Waldwege bergauf. Daheim in Deutschland würde mir jeder Wildhüter auf solcher Strecke eine dicke Anzeige verpassen. Irgendwann glaube ich auch selbst nicht mehr, dass ich noch richtig bin, folge aber tapfer dem Weg, bis ich auf eine Rotte Waldarbeiter stoße, die ihren Roman gerade mit Scheitholz belädt. Hier endet der Weg. Eine Cabana kennt keiner der angesprochenen und so muß ich wieder zurück. Inzwischen bin ich auch konditionell ziemlich am Ende, aber es hilft nichts. Ich mache auf halber Strecke noch mal einen Versuch bei einem Seitenweg und finde tatsächlich die Cabana: verlassen und verwahrlost. Hier mitten im Wald mein Zelt aufzubauen, dazu habe ich heute einfach zuviel Schiss und so fahre ich auch den Rest der Strecke wieder bis auf die Hauptstraße. Es wird langsam dämmrig und ich will einfach nur noch aus dem Sattel. Am Rande eines kleinen Stausees entdecke ich schließlich ein französisches Buschen, neben dem ich aufbaue. Nur noch mein Gemüse kochen und etwas Bier mit Quellwasser trinken und schlafen.
Am nächsten Morgen ist es sonnig und ich fahre weiter Richtung Westen, nach Sebes. In Arad gelingt es mir in einem Rollerladen eine neue 35/35W Glühlampe zu kaufen. Ich montiere sie zwar noch nicht, aber die Beule in der Jackentasche wirkt einfach beruhigend. Auf der Hauptstrecke findet man immer wieder Hinweisschilder auf Klöster (Monastry). Ein Bekannter hat mir einmal von den Klöstern vorgeschwärmt und so beschließe ich auch einem der kunstvoll geschnitzten Schilder zu folgen. Mich erwarten zehn Kilometer Schotterpiste, knuffige Häuser in lockerer Bebauung, Schweine und Hühner auf der Straße, eine Grundschule, wo es im Umkreis von 2 km keine Häuser gibt und Ruhe und Idylle. Das Kloster finde ich leider nicht, zehre aber noch mal von dem schönen Augenblicken, während ich in warmer Sommerluft Richtung ungarischer Grenze fahre. Es gibt ein paar Gewitterschauer und um 18:00 Uhr bin ich schließlich in Ungarn. Ich fahre noch bis in die Dämmerung und bin nicht mehr weit von Budapest entfernt als ich mein Zelt aufbaue. Eigentlich wollte ich mich noch mal schön ausruhen und morgens ganz früh weiter fahren, doch mich erwartet eine Gewitternacht, wie ich sie selten erlebt habe. Anfangs kauere ich bei den Blitz-Donner Attacken noch mitten im Zelt (blos weit weg von den Eisenstangen!) Doch mit den einsetzenden Sturmböen klammere ich mich nur noch an die Zeltstangen um alles am Fortwehen zu hindern. Zwischen zwei Gewittern schnell aus dem Zelt heraus und die Heringe neu feststecken. Drinnen inzwischen alles nass. Wie gerädert werde ich erst um 9:00 Uhr morgens wach. Auch der Rest von der Rückfahrt ist kein Vergnügen. In Wien fängt es schon wieder stark zu regnen an und bei jeder Tankpause kann ich nur durch größere Kaffeemengen mein Wutzittern unterdrücken. Durch die Nässe fällt schließlich noch mein Rücklicht aus. Also immer schön ein Fuß auf der Bremse, damit hinten was leuchtet. Hoffentlich hält wenigstens der Hauptscheinwerfer durch, damit ich nicht noch im Dunkeln Birne wechseln muß. Der BMW verspreche ich den schönsten Ölwechsel, wenn sie nur nicht schlapp macht. Der Weg zieht sich endlos und ich brauche dann schließlich noch bis morgens um 3:00 Uhr, bis ich wieder zu Hause bin. Aber alles hat dann doch noch gut durchgehalten. DRUM BUN!.
Bild 9
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